Ich schreibe diesen Artikel, weil eine Statistik in sämtlichen Diskussionen über den Gebrauchtbuchmarkt hartnäckig kursiert: „90 % der gebrauchten Bücher werden bei Amazon verkauft." Man findet sie in Branchenforen, Börsenblatt-Kommentarspalten, LinkedIn-Posts von Verlegern. Der Haken: Sie ist schlicht falsch – zumindest, wenn man sie auf den deutschen Gebrauchtbuchmarkt bezieht.
Ich habe mir ein paar Tage Zeit genommen, um die Zahlen des Börsenvereins, die Bilanzen von momox/medimops, die Position von rebuy, ZVAB und Booklooker, sowie die rechtliche Sonderstellung der Buchpreisbindung sauber aufzudröseln. Was dabei herauskommt, ist ein Markt, der weit weniger monolithisch ist als das Klischee – und für alle, die ihre Bücher verkaufen oder mit Büchern handeln, deutlich interessanter.
Deutschland ist in Europa ein Sonderfall. Hier wurde der Second-Hand-Riese geboren, der inzwischen halb Europa beliefert. Hier existiert eine gesetzliche Buchpreisbindung, die neue Bücher schützt – aber Gebrauchte ausdrücklich ausnimmt. Und hier liegt gleichzeitig Amazons größtes europäisches E-Commerce-Geschäft. Die Kombination ist einzigartig.
Der Gesamtmarkt: Deutschlands Buchbranche im Überblick
Bevor wir zum Gebrauchtbuchmarkt kommen, hier der Kontext. Laut dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels sah der deutsche Buchmarkt 2024 so aus:
| Kennzahl | Wert 2024 |
|---|---|
| Branchenumsatz gesamt | 9,88 Mrd. € |
| Wachstum gegenüber 2023 | +1,8 % |
| Stationärer Sortimentsbuchhandel | 4,08 Mrd. € (41,3 % Marktanteil) |
| Online-Buchhandel | 2,51 Mrd. € (25,4 %) |
| Anteil Backlist-Titel an Verkäufen | 57 % |
| Belletristik-Anteil | 36,6 % (+4,3 %) |
| Anzahl aktiver Buchkäufer | 24,5 Mio. (–2 % gegenüber 2023) |
Zwei Dinge fallen auf:
- Der stationäre Handel ist in Deutschland weit stabiler als in Frankreich oder den USA. Mit 41,3 % Marktanteil hält er sich hartnäckig gegen den Online-Handel. Das ist europaweit ungewöhnlich.
- Die Zahl der aktiven Buchkäufer schrumpft seit Jahren. 2013 waren es 36 Millionen, 2024 nur noch 24,5 Millionen (Analyse lesestunden.de). Der Umsatz steigt nur, weil die Preise steigen, nicht weil mehr Menschen lesen.
Diese beiden Punkte sind entscheidend für das Verständnis des Gebrauchtbuchmarkts: Ein robuster stationärer Handel bedeutet, dass viele Bücher weiter physisch zirkulieren (in Antiquariate, Bücherschränke, Wohltätigkeitsmärkte wandern), und eine schrumpfende Käuferbasis mit steigenden Preisen treibt zusätzliche Nachfrage in Richtung Second Hand.
Ein erster Anteil im ersten Halbjahr 2025 zeigt bereits, was passiert: Der Buchmarkt schrumpft um 3,3 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Das Verbraucherklima bleibt schwach, die Sparneigung hoch. Und genau in diesem Umfeld blüht der Re-Commerce.
Die Buchpreisbindung: Warum Deutschland ein Sonderfall ist
Hier muss man einen wichtigen juristischen Aspekt verstehen, ohne den der deutsche Gebrauchtbuchmarkt nicht begriffen werden kann. In Deutschland gilt seit 2002 formal und seit 1888 faktisch das Buchpreisbindungsgesetz (BuchPrG). Verlage sind gesetzlich verpflichtet, für jedes neue Buch einen festen Endpreis zu setzen, an den sich alle Händler halten müssen – stationär wie online, Amazon wie Kiosk.
Aber – und das ist für uns entscheidend – § 3 BuchPrG nimmt gebrauchte Bücher ausdrücklich aus der Preisbindung aus. Wörtlich: „Dies gilt nicht für den Verkauf gebrauchter Bücher."
Die Konsequenzen sind enorm:
- Neue Bücher kosten bei Amazon, Thalia, Hugendubel und jedem unabhängigen Buchladen exakt denselben Preis.
- Der einzige legale Preishebel für den Endkunden ist der Gebrauchtkauf.
- Daraus folgt: Wer in Deutschland billiger lesen will, hat keine Wahl – es muss Second Hand sein.
Diese strukturelle Asymmetrie (Neuprice festgezurrt, Gebrauchtmarkt völlig frei) ist der zentrale Grund, warum sich in Deutschland mit momox ein Re-Commerce-Riese von europäischer Dimension bilden konnte. In Märkten ohne Preisbindung (UK, USA) kann der Neue bei jeder Aktion billiger werden; hier nicht. Gebraucht ist der einzige Ausweg, und das macht den Markt gigantisch.
Der Markt für gebrauchte Bücher: Volumen und Wachstum
Für den europäischen Gebrauchtbuchmarkt gelten folgende Schätzungen:
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Europäischer Gebrauchtbuchmarkt 2023 | 6,42 Mrd. USD |
| Prognose 2032 | 9,71 Mrd. USD |
| CAGR | 4,7 % |
| Anteil Mass/Economy-Segment | 74 % |
Quelle: Credence Research Europa.
Konkrete deutsche Zahlen sind schwieriger zu bekommen, aber die momox-Studie aus 2024 zeigt: 53 % der Deutschen kaufen mindestens einmal pro Monat gebrauchte Bücher oder Medien, und davon 64 % online. Von allen Gebrauchtwaren-Kategorien sind Bücher mit 95 % Beliebtheit der klare Spitzenreiter. Deutschland ist laut YouGov mit 61 % Online-Gebrauchtkäufer-Anteil das second-hand-freundlichste Land Europas.
Die Akteure: wer spielt im deutschen Gebrauchtbuchmarkt?
Jetzt zur eigentlichen Frage. Wenn es nicht Amazon mit 90 % ist, wer dominiert den deutschen Markt?
1. momox / medimops – der Branchenprimus
Das ist die offensichtliche Nummer eins. Aber hinter dem Namen steckt eine Doppelstruktur, die man verstehen muss:
- momox.de: Die Ankaufsseite. Hier verkaufen Privatleute ihre Bücher zu einem festen Algorithmen-Preis.
- medimops.de: Der Verkaufsshop. Hier landen die angekauften Bücher nach Qualitätskontrolle und werden an Käufer veräußert.
- momox-shop.fr: Das gleiche Modell für Frankreich.
- momox fashion: Mode-Ableger für Gebrauchtkleidung.
Die Zahlen (Stand 2025):
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Umsatz momox SE 2024 | 377 Mio. € |
| Umsatz momox SE 2025 | 393,5 Mio. € |
| Anteil Bücher & Medien am Umsatz | ~84 % |
| Mitarbeiter | 2 194 (Stand 2024) |
| Gesamtkunden | ~45 Mio. (weltweit) |
| Seit 2004 verkaufte Artikel | 400+ Mio. |
| Täglich versandte Medimops-Pakete | ~50 000 (Ø 3 Artikel/Paket) |
| Verfügbare Artikel auf medimops | >4 Millionen |
| Logistik Leipzig | 100 000 m², ~1 200 Mitarbeiter |
Quellen: momox 20-Jahr-Feier, Wikipedia momox, Börsenblatt.
Wichtig zu wissen
Obwohl momox als unabhängige Marke auftritt, ist das Unternehmen eng mit den Marktplätzen verwoben. Laut eigener Presseveröffentlichung ist momox weltweit der größte Verkäufer gebrauchter Artikel auf Amazon und der drittgrößte auf eBay. Rund 40 % des medimops-Umsatzes werden nicht über die eigene Shop-Domain, sondern über Amazon, eBay, Fnac und Rakuten realisiert.
Das bedeutet: Der Umsatz, den viele Leute „Amazon" zuschreiben, ist in Wirklichkeit zu einem erheblichen Teil momox-Umsatz, der nur über die Amazon-Infrastruktur läuft. Wer die Buy Box auf Amazon für ein gebrauchtes Buch gewinnt, ist in den meisten Fällen nicht Amazon selbst, sondern medimops – die Marke hat dort seit Jahren Platz eins bei Kundenbewertungen.
2. rebuy – der direkte Konkurrent
rebuy (rebuy.de) ist die zweite große Größe im deutschen Re-Commerce. Ursprünglich 2004 als Trade-a-Game gestartet, agiert rebuy heute auf fast dem gleichen Geschäftsmodell wie momox: Barcode scannen, Festpreis erhalten, kostenlos einschicken, Geld aufs Konto.
Die Unterschiede aus Sicht des Kunden sind fein, aber wichtig:
- rebuy erhebt für Käufer eine Pauschale von 3,99 € Versandkosten.
- medimops liefert ab 10 € Bestellwert versandkostenfrei.
- rebuy ist schneller mit Rückzahlungen, zahlt aber oft unterhalb von medimops für hochwertige Bücher.
Für Verkäufer lohnt sich ein Doppelvergleich immer. Ich habe selber schon mehrfach erlebt, dass rebuy 30-50 % mehr für bestimmte Titel zahlt als medimops – oder umgekehrt. Die Algorithmen bewerten unterschiedlich, je nach Lagerbestand und Verkaufsvelocity.
3. ZVAB & AbeBooks – das Antiquariat im digitalen Gewand
Das Zentrale Verzeichnis Antiquarischer Bücher (ZVAB) ist seit 1996 online und bündelt das Angebot von über 3 000 gewerblichen Antiquariaten in Deutschland. Seit 2011 gehört es zu AbeBooks, und AbeBooks wiederum gehört seit 2008 zu Amazon.
Das ist ein Punkt, der selten sauber kommuniziert wird: Wenn du bei ZVAB oder AbeBooks ein Buch kaufst, landet das Geld bei einem deutschen oder europäischen Antiquariat, aber die Plattform-Gebühren gehen an Amazon. Für Raritäten, Erstausgaben, vergriffene Fachbücher ist ZVAB konkurrenzlos – dort findet man Exemplare, die bei momox oder rebuy niemals auftauchen würden, weil die Algorithmen solche Longtail-Titel gar nicht erkennen und daher nicht ankaufen.
4. Booklooker – der C2C-Veteran
booklooker.de ist einer der ältesten deutschen Online-Buchmarktplätze. Über 3 Millionen registrierte Nutzer. Hier verkaufen Privatleute direkt, oft zu sehr niedrigen Preisen. Die Qualität ist schwankend, aber wer Geduld hat und stöbern mag, findet Schnäppchen.
Booklooker ist der deutsche Vetter von Leboncoin in Frankreich oder eBay Classifieds: ein echter C2C-Marktplatz. Für Verkäufer bedeutet das: selbst inserieren, selbst fotografieren, selbst verschicken, selbst mit Kunden umgehen. Dafür keine Algorithmen-Peitsche, die den Preis runtertreibt.
5. eBay – der Generalist mit Nische
eBay ist in Deutschland weiter stark, aber eher als Generalist denn als Buchspezialist. Für einzelne Bücher funktionieren Auktionen selten, aber für Konvolute (Lot von 20-100 Büchern) ist eBay nach wie vor einer der besten Kanäle. Vor allem Privatverkäufer, die ganze Nachlässe auflösen, setzen auf eBay.
Bei eBay Kleinanzeigen (seit 2024 als Kleinanzeigen.de ausgegliedert) geht es dagegen um die lokale Abholung: ideal für schwere Bildbände, BD-Reihen, komplette Schulbuchsammlungen.
6. Amazon Marketplace – direkt und indirekt
Auf dem Amazon Marketplace selbst läuft eine ganze Menge. Laut Börsenblatt (Artikel zum Medimops-Geschäft) hatte medimops auf Amazon bereits 2020 über 6,3 Millionen Bewertungen – mit 97 % positiven. Das ist nicht Amazon, das verkauft. Das ist momox/medimops, das über die Amazon-Infrastruktur vertreibt.
Amazon selbst ist in Deutschland 2024 auf 45,9 Mrd. USD Umsatz gewachsen (+12,3 %), und das Bundeskartellamt schätzt, dass Amazon.de mittlerweile 60 % aller Online-Verkäufe in Deutschland (alle Kategorien) abwickelt. Aber im Gebrauchtbuchmarkt spezifisch ist Amazons direkte Rolle kleiner als viele denken – es ist vor allem Infrastruktur, auf der andere Spieler (momox, rebuy, AbeBooks/ZVAB) ihre Ware vertreiben.
7. Buchfreund – das Mini-Alternative-ZVAB
buchfreund.de ist eine Plattform für Antiquariate, die eine Alternative zu ZVAB (und damit zu Amazon) bieten will. Kleiner, aber unabhängig. Für Antiquariats-Puristen, die kein Amazon unterstützen wollen, ist es die erste Wahl.
Die große Frage: wie hoch ist Amazons Anteil im deutschen Gebrauchtbuchmarkt wirklich?
Es gibt keine offiziell publizierte Zahl. Aber lass uns kurz trianglisieren, was bekannt ist:
- Global (weltweit): Amazon + AbeBooks = 40-45 % des Gebrauchtbuchmarkts (Persistence Market Research).
- In Deutschland: momox/medimops allein produziert ~84 % seiner 393,5 Mio. € Umsatz im Buch- und Medienbereich, also ca. 300-320 Mio. € – davon läuft ein signifikanter Teil über Amazon Marketplace.
- rebuy, Booklooker, eBay Classifieds, ZVAB, Buchfreund, Oxfam-DE-Shop und tausende kleine Antiquariate tragen zusammen einen weiteren substanziellen Anteil bei.
Meine realistische Einschätzung
Amazon + AbeBooks + ZVAB machen zusammen irgendwo zwischen 30 % und 40 % des deutschen Gebrauchtbuchmarkts aus. Der Rest verteilt sich auf momox-eigene Kanäle (medimops.de), rebuy, Booklooker, eBay, Kleinanzeigen, stationäre Antiquariate und Flohmärkte. Das sind keine 90 %, auch wenn Amazon strukturell unvermeidbar bleibt – weil er die Bühne ist, auf der die anderen auftreten.
Wer kauft und wer verkauft in Deutschland?
Ein paar Datenpunkte, die ich für praxisrelevant halte:
Käuferseite
- 53 % der Deutschen kaufen mindestens einmal im Monat Second Hand Bücher/Medien (momox-Studie).
- 64 % bevorzugen dabei den Online-Kauf.
- Frauen greifen bei Gebrauchtgeschenken bevorzugt zu Büchern (56 %), bei Männern stehen Elektronikartikel (50 %) an erster Stelle.
- Die Generation Z treibt den Second-Hand-Trend mit Abstand am stärksten – hier trifft Nachhaltigkeitsbewusstsein auf knappes Budget.
Verkäuferseite
- Durchschnittliche Sendung an momox: 22 Bücher pro Paket
- Durchschnittlicher Auszahlungsbetrag: 44 € pro Verkaufsvorgang
- Das heißt: pro Buch bekommt der Verkäufer im Schnitt ~2 €
Hier liegt der Knackpunkt für jeden, der ernsthaft verkauft. Die 2 € pro Buch sind ein Querschnitt – darunter sind Titel, für die momox 50 Cent zahlt, und andere, für die 10 € zahlt. Ohne vorherige Wertprüfung gibst du garantiert Bücher unter Wert ab.
Die Momox-Falle: warum blinder Ankauf dich Geld kostet
Wenn du schon mal bei momox verkauft hast, kennst du das Gefühl: Ein Sachbuch, das du 2018 für 45 € gekauft hast, wird plötzlich mit 3,14 € angeboten. Frustrierend.
Die Realität ist komplexer. Der momox-Algorithmus orientiert sich am aktuellen Amazon-Ranking und am internen Bestand. Je häufiger ein Buch verkauft wird (= hohe Velocity), desto besser der Ankaufspreis. Je mehr Exemplare momox schon liegen hat, desto niedriger.
Das bedeutet konkret: Bestseller der letzten 12 Monate bekommen oft gute Preise (4-8 €), während Nischenbücher, Fachbücher und Raritäten oft lächerlich niedrig bewertet – oder gar nicht erst angekauft – werden. Dabei wären genau diese Bücher über einen C2C-Kanal wie eBay, Booklooker oder direkt über spezialisierte Antiquariate oft 20-80 € wert.
Ich habe bei BiblioScan schon mehrfach Bücher gescannt, für die momox 1-2 € anbot, die auf dem privaten Markt tatsächlich 30-60 € bringen. Der Unterschied ist oft der gesamte Unterschied zwischen einem nutzlosen Karton voller Bücher und einem echten kleinen Nebeneinkommen.
Was sich auf Amazon Marketplace für Gebrauchtbücher geändert hat
Ein Thema, das in deutschen Verkäuferforen seit 2024 heiß diskutiert wird: Amazon hat die Buy-Box-Logik für gebrauchte Bücher radikal verändert.
Früher hatten FBA-Verkäufer (die ihre Bücher in Amazon-Logistikzentren einlagerten) einen klaren Vorteil: Sie bekamen den „Prime bump" und konnten höhere Preise verlangen. Seit dem 23. Februar 2024 hat Amazon diese Priorisierung faktisch abgeschafft. Die Buy Box geht jetzt fast immer an den günstigsten Anbieter, unabhängig vom Versandstatus.
Die Folge: Kleinere FBA-Verkäufer, die ihre Gebrauchtbuch-Marge auf dem Prime-Bonus aufgebaut hatten, verlieren massiv. Die Großen wie momox/medimops, die eigene Logistik haben und MFN (Merchant Fulfilled Network) versenden, profitieren. Der Markt konsolidiert sich weiter zulasten der Indie-Verkäufer.
Das ist ein globales Phänomen, trifft aber momox in Deutschland besonders stark, weil es eine der wenigen Firmen ist, die durch diese Umstellung sogar stärker wird. Kleinere Antiquariate, die Amazon Marketplace für den Abverkauf nutzten, müssen umschichten – zurück zu ZVAB, Booklooker, oder direkt in den eigenen Onlineshop.
Was deutsche Verleger und Autoren dazu sagen
Anders als in Frankreich, wo die SNE offen eine Steuer auf Gebrauchtbücher fordert, ist die deutsche Verlagsszene pragmatischer. Der Börsenverein hat bisher keine Forderung nach einer Abgabe auf Gebrauchtbücher gestellt. Stattdessen richten sich die Forderungen auf:
- Bürokratieabbau (EU-Entwaldungsverordnung)
- Strukturelle Verlagsförderung
- Klare Regulierung generativer KI und des Urheberrechts beim Training von Modellen
Die Kritik am Gebrauchtbuchgeschäft kommt eher von einzelnen Antiquaren und Buchhändlern (siehe die Kommentarspalten im Börsenblatt), die sich über die Preiserosion durch Algorithmen-Anbieter wie medimops beschweren.
Der kulturelle Konsens in Deutschland lautet eher: Solange die Buchpreisbindung den Neukauf schützt, darf Gebraucht so viel zirkulieren, wie es will. Die politische Debatte über ein „droit de suite" wie in Frankreich existiert hier schlicht nicht in nennenswerter Form.
Was das für Verkäufer im Jahr 2026 bedeutet
Hier sind meine konkreten Take-aways nach all dieser Recherche:
- Amazon dominiert den deutschen Gebrauchtbuchmarkt nicht zu 90 %. Realistisch sind 30-40 %, und ein großer Teil davon ist eigentlich momox-Umsatz, der nur durch die Amazon-Schleuse läuft.
- Immer zwei Plattformen vergleichen (mindestens). momox und rebuy bewerten nicht identisch. Ich habe schon regelmäßig bis zu 40 % Unterschied beim Ankaufspreis des gleichen Buchs gesehen.
- Raritäten, Sachbücher und Fachbücher gehören nicht in den Massen-Ankauf. Für alles, was über 15 € Verkaufswert hat, sind ZVAB, eBay oder ein direkter Verkauf auf Booklooker fast immer rentabler. BiblioScan zeigt dir den echten Median-Verkaufspreis auf dem Privatmarkt, bevor du versehentlich einen 80-€-Titel für 2,50 € verschenkst.
- Die Buchpreisbindung ist dein Freund als Verkäufer: Weil Neuexemplare nie unter Preis fallen, bleibt die Preisdifferenz Gebraucht/Neu attraktiv. In Ländern ohne Preisbindung (UK, USA) werden Neuexemplare oft aggressiv rabattiert, was die Gebrauchtmarge zerstört. Deutschland hat hier eine stabile Grundlage.
- Booklooker und eBay Kleinanzeigen nicht unterschätzen. Der C2C-Markt in Deutschland ist kleiner als in Frankreich (weil die zentralisierten B2C-Anbieter stärker sind), aber für schwere, lokale und Nischen-Verkäufe oft die beste Option.
- FBA-Sellerei auf Amazon ist schwieriger geworden. Wer 2024/2025 einstieg und seine Strategie auf Prime-Sichtbarkeit aufgebaut hatte, schaut in die Röhre. Für Neueinsteiger ist MFN oder direkter Verkauf auf medimops/rebuy+eigene Shops der vernünftigere Weg.
Was sich 2026 bewegen dürfte
Drei Trends, die ich im Auge behalte:
- Vinted-Einstieg in den Buchmarkt: In Frankreich ist Vinted schon der inoffizielle C2C-Buchkanal Nummer 1. Für Deutschland steht der Durchbruch noch aus, aber Vinted wächst rasant und bietet 0 % Verkäufergebühr. Wenn die App das gleiche Momentum aufbaut wie im französischen Markt, werden Booklooker und eBay Kleinanzeigen unter Druck geraten.
- Momox diversifiziert: Das 2024 angekündigte Partnerschaftsmodell mit Zeercle (Rückkauf für unabhängige Buchhandlungen in mehreren europäischen Ländern) zeigt, dass momox das Wholesale-Segment für sich entdeckt. Das erhöht die Marktdominanz weiter.
- AI-getriebene Preisbildung: Die bestehenden Algorithmen (Keepa-Daten, momox-Engine, rebuy-Engine) werden durch ML-Modelle abgelöst, die nicht nur ISBN und Bestand berücksichtigen, sondern auch BookTok-Trends, Verfilmungen, Autoren-Events. Wer schnell erkennt, welche Bücher gerade in welcher Zielgruppe trending sind, gewinnt.
Der deutsche Gebrauchtbuchmarkt ist reif, stabil und wächst moderat weiter. Die Konsolidierung schreitet voran, aber der Markt bleibt offen für jeden, der sein Sortiment klug kuratiert und seinen Bestand richtig bewertet, bevor er verkauft.
Kurz gefasst
Der deutsche Gebrauchtbuchmarkt wird dominiert von momox/medimops (393,5 Mio. € Umsatz) und nicht allein von Amazon. Zusammen mit AbeBooks und ZVAB kontrolliert Amazon geschätzt 30-40 %, nicht 90 %. Die Buchpreisbindung macht Gebraucht zum einzigen legalen Preishebel. Vor jedem Verkauf: Ankaufpreise zwischen momox und rebuy vergleichen, wertvolle Titel über ZVAB/eBay/Booklooker direkt verkaufen.
Hauptquellen
- Börsenverein – Offizielle Buchmarkt-Zahlen 2024
- Publishing Perspectives – The German Book Market in 2024
- Buchpreisbindungsgesetz (BuchPrG) – Gesetze im Internet
- momox – 20 Jahre momox (Pressemitteilung 2024)
- momox – Firmenseite (Umsatz 2025: 393,5 Mio. €)
- momox Bestseller-Auswertung 2025
- Börsenblatt – Wie Momox den Gebrauchtbuchmarkt dominiert
- Wikipedia – momox
- Medimops – Eigentümer & Hintergrund (UAMR)
- Ecommerce News Europe – Amazon in Germany
- Persistence Market Research – European Second Hand Books
- Credence Research – European Second Hand Books
- Utopia.de – Gebrauchte Bücher verkaufen & kaufen
- lesestunden.de – Red alert for Germany's book industry
Dieser Artikel wird aktualisiert, sobald die offiziellen Buchmarkt-Zahlen 2025 des Börsenvereins erscheinen und wenn momox die Geschäftszahlen für 2025 veröffentlicht.